Oder auch Pop-Literatur, in den Sixties Beat-Literatur, einige hundert Jahre früher Sturm und Drang.
Egal wie man es nennt, jede neue Idee wird bald zur Mode, bald zum Klischee. Russische Fernsehserien handeln oft von Krieg, Deutsche meist von Beziehungs-Stress. Die einen spielen in der Liga der Verdammten, die anderen entfliehen der Langeweile auf ihrem Sofa. Zwischen den Klischees: die konkrete Existenz. Geld, Glück, Gewalt und Krise, Liebe, Sex, Party, Exzess.
Die Gegenwart spricht eine Sprache, die noch nicht im Duden steht, und wie bei Feridun Zaimoglu sicher niemals dort ankommen wird. Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft. "Was für ein Sound! Big Beat, großmäulig, wortgewaltig, kraftvoll und wütend, " freut sich die taz über Titel wie "Pop is ne fatale Orgie". Wer selbst in der Sonne steht, hört dabei Beat, Rock, Pop und Rap, alles wild und unterhaltsam, schreibt Bücher die das Wort "Generation" im Titel tragen und verherrlicht dabei oft nur die Langeweile einer vermeintlich glücklichen Kindheit. Warum nennen sich Rock-Bands nach Kinderserien? Warum glaubt man, Individuen als "Zonenkinder" oder Golf-Fahrer in eine Schublade stecken zu können?
Jack Kerouac war "on the Road" unterwegs und unter Strom, zog damals durch Amerika jenseits von Uni und weißer Vorstadt, ging auf Jazz-Konzerte, fuhr auf Güterzügen und machte Erfahrungen mit Drogen. Damals ein Skandal, heute banal, aber immer noch lesenswert. Doch auch Beatniks und Hippies wurden schnell zum Klischee, ebenso wie später Punk, Hip-Hop und Skaten.
Deutsche Realität ist nicht grundsätzlich besser oder schlechter als die amerikanische. Silvia Szymanski, Alexa Hennig von Lange oder auch die eigentlich sehr viel ältere Elke Heidenreich bleiben in ihrer Heimat und machen die Augen sehr weit auf. Irgendwo zwischen Berlin und Rotterdam, Dresden und Bochum, München und Bremerhaven leben Agnes, Mustafa, Dennis, Fati, Chris, Mike und Anastasia, Gestalten die in den meist glatten TV-Serien selten vorkommen.
Der so genannte neue Deutsche Film hat auch neue Formen und Inhalte gefunden, aber im Gegensatz zu Büchern sieht man dort bei den unterschiedlichsten Geschichten zwangsläufig immer wieder die gleichen Gesichter, so dass oft neue Klischees entstehen, noch bevor die Alten überhaupt genügend durchbrochen wurden.
Ohne Klischees und bekannte Begriffe wird es aber schwer, Dinge zu beschreiben. Ist ein Buch ein Großstadt-Roman bloß weil es in Berlin spielt? Was ist Szene-Literatur, was ist ein Drogenroman, was ist eine Liebesgeschichte? Was ist Minimalismus? Realismus? Spinnerei? Literatur bleibt fiktiv, und selbst ein ehrliches und akkurates Tagebuch wäre zwar authentisch aber aus Sicht eines Lesers niemals hundertprozentig realistisch.
Einige Romane der so genannten Szene-Literatur:
Alexa Hennig von Lange: Erste Liebe. Relax. Ich habe einfach Glück.
Milan Kundera: Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
Elke Heidenreich: Der Welt den Rücken.
Silvia Szymanski: Agnes Sobierajski. Kein Sex mit Mike. 652 Kilometer bis Berlin.
Chris Manby: Krise inklusive. Das Dating-Dilemma. Wer einmal lügt.
Salman Rushdie: Wut. Andrew Miller: Oxygen. Nick Hornby: A Long Way Down.
Nick McDonnell: Zwölf. Feridun Zaimogulu: Zwölf Gramm Glück. Kanak Sprak. Abschaum. Koppstoff. Liebesmale, scharlachrot. Leinwand.